Wenn neben mir das Blut erwacht

Leseprobe: Kapitel 1

Trostlos tauchte der Häuserblock vor mir auf, beglotzte mich mit seinen Fenstern wie hunderte gieriger Augen. Ich war mir sicher, dass mich hinter einigen Scheiben Bewohner beobachteten, wie ich da so stand und den Blick über den mehrstöckigen, fahlgrauen Betonklotz schweifen ließ. Er war hässlich. Vor zwei Wochen war ich noch recht euphorisch, doch heute nicht mehr. Einfach nur hässlich. Aber da drinnen lag die einzig finanzierbare Wohnung im dörflichen Umkreis. Stadt war definitiv keine Option. Ich hatte mich entschieden.

Völlig durchnässt stand der letzte Umzugskarton auf dem Gehweg. Ich schnappte ihn mir, ging die wenigen Schritte zum Eingang des Mehrparteienhauses und war froh, dass ich die Stufen, welche zu meiner neu gemieteten Wohnung im dritten Obergeschoss führten, heute zum letzten Mal erklimmen musste. Doch kaum betrat ich das hellhörige Treppenhaus, riss der Boden des Kartons auf, und alle Habseligkeiten verteilten sich polternd auf den marmorierten Fußboden. Sogar die zum Keller hinabführenden Stufen blieben nicht verschont. Irgendetwas schepperte da unten und zerbarst. Na Klasse. Ich verfluchte den beschissenen Regen und die Kartons, die nichts aushielten und überlegte, ob in dieser Welt überhaupt noch irgendetwas vernünftig taugte.

»Kein Grund zum Fluchen«, sagte eine Stimme von oben herab. »Wenn du willst, helfe ich dir, wieder alles aufzusammeln.« Ein schlanker Mann um die Zwanzig erschien und lächelte freundlich. Ebene, weiße Zähne blitzten mich an. Seine dunklen Haare waren wild gestylt. Für einen Mann sah er wirklich gut aus. Ich weiß noch, wie ich, aus welchem Grund auch immer, in diesem Moment dachte, wie heiß der Typ doch auf Frauen wirken musste. Schlank, graziös und auf Anhieb sympathisch. Auf den ersten Blick der perfekte Schwiegersohn. »Dann bist du schneller fertig, weißt du?«

Ich nickte nur und brachte ein peinliches »Danke« hervor.

»Kein Problem, Mann. Wenn du der Neue bist, der hier gerade einzieht, dann bist du mein direkter Nachbar.«

Ich nickte nur und wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte.

»Klasse«, sagte er und reichte mir seine Hand. »Ich bin Tommi.«

»Chris«, presste ich heraus, gab ihm meine und hoffte, dass die Fragerei aufhörte. Mir war einfach nicht zum Reden. Sein Händedruck war angenehm warm, kräftig und trocken.

»Dann wollen wir mal anfangen«, sagte Tommi und klaubte die ersten Sachen von der Treppe und brachte sie mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen hinauf.

Mit ihm zusammen dauerte es nicht allzu lange, bis die verstreuten Dinge in meiner neuen Wohnung waren – warum, um alles in der Welt, schleppt man so viel Krimskrams mit durch sein Leben? –, und ich bedankte mich einsilbig für seine Hilfe.

All meinen Mut zusammennehmend, fragte ich ihn dann aber, ob er vielleicht Durst hätte und mir vielleicht noch ein wenig Gesellschaft leisten und etwas zu trinken haben wolle, und spätestens jetzt musste ihm aufgefallen sein, dass bei mir logopädisch irgendetwas nicht stimmte. Doch scheinbar interessierte es ihn nicht, und er bat um eine Cola, wenn möglich kalt. Zum Glück hatte ich mir morgens ein paar Dosen in den Kühlschrank gestellt. Ich gab ihm eine, er bedankte sich und fragte, welche Hobbies ich außer Bücherlesen hätte. Er ließ seine strahlenden Augen über die offenen Kartons voller Bücher gleiten. Unmengen abgegriffener Erstauflagen und natürlich auch eine ordentliche Sammlung von Taschenbüchern.

Ich stotterte mir einen zurecht und erklärte ihm umständlich, mich würde sonst nichts so wirklich interessieren.

»Okay«, sagte er und öffnete die Dose Cola, welche sich mit dem typischen Zischen beklagte. »So etwas kenne ich, weißt du? Ich habe auch so gut wie keine Hobbies. Ab und zu gibt es mal eine Party bei mir, da kommen so einige Leute, aber mit denen kann ich kaum etwas anfangen, mit den meisten zumindest. So zwei, drei sind eigentlich schon in Ordnung.«

Ich nickte. Scheinbar gab Tommi sich damit zufrieden. Er lehnte sich zurück, nahm einen großen Schluck Cola und genoss ein wenig die entstandene Ruhe. Es war entspannend, nicht unangenehm.

»Falls dir langweilig wird«, sagte er dann, »kannst du gerne mal rüberkommen. Hätte schon gerne ab und zu jemanden da, mit dem ich mich vernünftig unterhalten kann. Du liest viel, also schätze ich, du kannst das.«

Reden? Ja, natürlich, gerade mit mir, doch ich nickte wieder und sagte: »Ja, okay, w-wenn es d-dir n-nichts ausma-ma-hacht.«

»Nein, Quatsch. Kannst ruhig rüberkommen. Wenn ich da bin, mache ich garantiert auf.« Er lächelte mich an, und ich lächelte zurück. Irgendwie war er seltsam und doch auf eine Art interessant. Ich hatte das Gefühl, er mochte mich. Und obwohl wir nicht viel miteinander gesprochen hatten und uns erst wenige Augenblicke kannten, fühlte ich mich eigenartig zu ihm hingezogen. Ja, auch ich mochte ihn. Er war nett, hilfsbereit und aufgeschlossen, er sah gut aus und machte sich nichts aus meinem sprachlichen Handicap.

»Aber nun muss ich los«, sagte er und sprang auf. »Habe noch einen wichtigen Termin. Wie schon gesagt, komm einfach rüber, wenn dir langweilig ist, oder wenn du Hilfe brauchst.«

Ich nickte wieder, und bevor ich mich versah, hörte ich, wie er die Treppenstufen hinunterpolterte. Eben noch hier, jetzt nicht mehr da, aber eines blieb trotzdem: sein Lächeln. Es war so, als würde ich kurz in die grelle Mittagssonne schauen. Vor meinen Augen würde ein Abbild ihrer selbst entstehen, und ich könnte es nicht verscheuchen, es bliebe und würde nur sehr langsam verblassen. Der Versuchung nicht widerstehend und die Augen geschlossen, sähe ich dieses Abbild dennoch. So war das auch mit Tommis Lächeln.

Tommi. So einer war mir noch nie begegnet. Und das Eigenartigste daran war, er hatte nicht nur sein Lächeln dagelassen. Da war noch etwas mehr. Ein Zauber, welcher hier drin war, in meinem Körper, in der Nähe meines Bauches. Ein wirklich seltsames Gefühl. Ein ungewohntes Kribbeln, eine eigenartige Verbundenheit, als würde ich Tommi schon mein ganzes Leben lang kennen. Als wäre er ein Teil von mir. So ein Gefühl hatte ich noch nie verspürt. Es machte mir Angst.

Ich schloss die Tür und ließ mich in meinen Sessel sinken. Und wieder war da ein vertrautes Gefühl in einer ungewohnten Umgebung. Was so ein Möbelstück entfachen konnte. Wundervoll. Hinter geschlossenen Augen tauchte Tommi auf. Er griff nach meinen Habseligkeiten, klaubte sie, sammelte sie mit einer kecken Eleganz auf und brachte sie in meine Wohnung. Ganz selbstverständlich. Tommi, der meinen abgehackten Worten lauschte, als wäre nichts falsch daran, als wäre ich ihm ein ebenbürtiger Mensch. Ja, dieses Gefühl gab er mir. Und er war der erste und bisher einzige Mensch, der das tat.

Aber mit der Zeit hasste ich ihn dafür. Ich hasste ihn genau so viel, wie ich ihn lieben lernte.

Es tut mir leid, Tommi. All meine Taten tun mir so unendlich leid.


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