Wenn neben mir das Blut erwacht

Leseprobe: Prolog

Mein Herz schmerzt. Es ist so, als wäre alles erst gestern passiert. Es schmerzt vor Traurigkeit. Ich wünschte, ich könnte alles ungeschehen machen, aber das geht nicht. Ich wünschte, ich wäre tot. Aber auch das geht nicht. Mein Herz ist es schon längst, dennoch weigert sich mein Körper, vom Leben Abschied zu nehmen. Schöne Scheiße.

Ich wünschte, Tommi wäre mir nie begegnet.

Es ist dunkel in mir.

Ich suche schon lange jene Gefühle, die mir vor Ewigkeiten Glück bescherten. Doch so viel ich auch danach suche, ich finde sie einfach nicht. Stattdessen nimmt mich eine traurige Leere ein.

Gedanken von vergangener Zeit, die habe ich noch, aber die dazugehörigen Emotionen sind verschwunden, als hätte ich sie nie gehabt. Hatte ich sie denn jemals gehabt? Oder war alles nur ein verfluchter Traum? Ein Hirngespinst? Ich glaube es nicht. Scheiße, nein, ich weiß, dass es nicht so ist, denn ich habe einen schmerzlichen Beweis. Ein Teil meines Armes samt Hand wurde mir entrissen. Nun schaut mich Tag für Tag ein trostloser Stumpf an, zeigt, dass alles wahr gewesen ist, zeigt, dass ich wirklich alles erlebt habe.

Manchmal greife ich nach meinem Glas mit eiskaltem Wodka, gemischt mit einem dieser billigen Energy-Getränke, das ich mir jeden Abend vor dem Zubettgehen gönne, sonst würde ich zu viel von diesen schrecklichen Albträumen bekommen. Dabei spüre ich, wie sich meine Finger öffnen, sich um dieses Glas schließen, um es zu meinem Mund zu führen, doch fassen sie nicht mehr als nur Luft. Es ist grauenvoll zu wissen, dass einem dieser Teil des Armes nicht mehr so gehorchen kann, wie er es sollte, einfach nur deshalb, weil er nicht mehr da ist. Paradoxerweise spüre ich dennoch jeden einzelnen Finger. Ab und zu juckt einer von ihnen, doch kann ich nichts dagegen tun. Es macht mich wahnsinnig. Es macht mich einfach nur fertig.

Es ist dunkel in mir. Es ist viel zu dunkel.

Nicht nur nachts wache ich aus diesen schrecklichen Albträumen auf, auch am Tage träume ich und rutsche in Gefilde ab, die schon lange zur Vergangenheit gehören. Gedanken, welche ich lieber vergessen sollte, damit ich weiterhin meinen Zielen nacheifern kann.

Die Vergangenheit. Ständig holt sie mich ein und versucht, an mir zu zerren. Ob sie mich zurückholen will? Mit scharfen Krallen und festen Zähnen packt sie zu, reißt an meinem Leben und versucht, das von mir schon längst Vergessene in die Gegenwart zu ziehen. Und manchmal gelingt es ihr sogar. Dann sitze ich wie in meinem alten Leben im Wohnzimmer auf der Fensterbank und schaue hinaus, in die Welt da draußen, wo alles geschehen kann, wo nichts nach einem Drehbuch gespielt wird. Spätestens dann, wenn der Himmel eine übernatürlich rote Farbe annimmt, fangen diese grauenvollen Tagträume an. Dabei sehe ich Blut. Viel zu viel Blut. Ich sehe einen Spiegel. Ich erlebe, wie ich einen Teil meines geschätzten rechten Armes verliere. Ich spüre, wie Glassplitter meine Haut durchbohren. Es flammen kurz Bilder auf, die ich nicht sehen will. Bilder, die unglaubwürdig erscheinen und doch eine zielstrebige Wahrheit beinhalten, dass einem die Augen tränen. Darin zu sehen sind meine Eltern und Kim, da ist Colin und auch Tommi, darin sind einfach so viele Menschen.

Es ist dunkel in mir. Tiefschwarze Trauer.

Und doch hoffe ich auf ein glückliches Ende. Es ist wie eine Blume, die in den ersten Sonnenstrahlen des Tages erwacht und ihre Blüte öffnet, um die wohlige Wärme zu genießen. An jedem neuen Morgen fühle ich ein wenig mehr Kraft in mir. Sie zeigt mir die richtige Richtung. Ich sprühe förmlich vor Energie. Mein Wunsch, Tommi endlich wieder in meinen Armen halten zu dürfen, seinen Atem und seine Haut spüren zu können, rückt in greifbare Nähe. Ich weiß, dass er mich sucht. Und sicherlich wird er wissen, dass ich auf dem gleichen Weg bin. Wir werden uns finden, und das Dunkel wird zerbrechen und eine Flut wärmenden Lichts entfachen.

Das alte Leben wird verblassen. Das alte Leben wird eine Lüge sein. Die letzten Zungen, die sie dann noch verbreiten sollten, werden sterben und elendig verrotten.

*

Wenn ich rede, überschlagen sich meine Gedanken. Meist will ich wesentlich mehr sagen, als ich in diesem Moment aus meinem Mund bekomme. Oftmals fange ich dann zu stottern an, oder es sprudeln zusammenhangslose Wortfetzen über meine Lippen. Doch wenn ich schreibe, bleiben meine Gedanken ruhig, sie ziehen sich schon fast zurück, sodass ich ohne Eile mein Herz ausschütten kann. Ich schreibe langsam, viel zu langsam. Wenn das ganze alte Leben lang die rechte Hand den Stift führte, so ist es schwierig, seiner linken eine vernünftig lesbare Schrift zu befehlen. Zum Glück gibt es heutzutage diverse Abhilfen. Ich drücke neuerdings auf Bildschirmtasten eines modernen Tablet-PCs herum, dabei bin ich längst nicht mehr so lahmarschig wie mit dem Stift. Es ist ein gutes Gefühl zu sehen, wie sich nach und nach die Seiten füllen, und das ist nicht nur emotional zu verstehen. Es ist ein Beweis meines alten Lebens, denn ich bemerke, wie sich das Erlebte davonstehlen will, wie es sich ängstlich zurückzieht und sich in dunkle Ecken verkriecht, um dort vergessen zu werden. An einigen Tagen überlege ich sogar, ob meine Erinnerungen auch meine Erinnerungen sind, und nicht nur irre Fantastereien. Ich habe Angst nicht mehr differenzieren zu können, was wahr gewesen und was erdacht worden ist.

Ich schreibe alles auf, weil ich mit niemandem darüber reden will, weil ich mit niemandem darüber reden kann. Und wenn ich so darüber nachdenke, schreibe ich sowieso lieber, als dass ich rede. Trotz allem komme ich um das gesprochene Wort in dieser verdammt beschissenen Welt nicht herum. Und das kotzt mich, gelinde gesagt, an. In meiner Schulzeit wurde ich meiner Sprachstörung wegen gehänselt, zudem wurde mein Haupt noch kräftig mit Kopfnüssen traktiert. Meine Mitschüler mussten irrtümlich der Meinung gewesen sein, dass diese Art der Gewalt sich positiv auf meine Sprachentwicklung auswirken würde. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass meine Kindheit der blanke Horror war. Hin und wieder spürten sie mich auf dem Nachhauseweg auf, schlichen sich von allen Seiten wie gierige Zombies an mich heran und schlugen dann alle gleichzeitig auf mich ein. Mit Fäusten, Knüppeln, mit Tritten und Steinen. All die Schläge, Tritte und Hiebe ließ ich über mich ergehen, lief, als wenn nichts wäre, einfach weiter, weiter nach Hause. Der physische Schmerz war nicht das Schlimmste, das ich ertragen musste, es war vielmehr der psychische. Er übertraf die körperliche Pein um ein Vielfaches. Es war das Wissen, nicht wirklich etwas machen zu können, es war das Wissen, auf so eine bestialische Weise gedemütigt zu werden. Es gab kaum einen Tag, an dem mein Körper und auch mein Kopf nicht mit Beulen und rotblauen Blutergüssen versehen waren. Ich blieb sporadisch zu Hause. Mehrere Wochen waren keine Seltenheit. Meine Eltern waren diesbezüglich feige Luschen und zogen, wie auch ich, den Schwanz ein. Ich hasste sie so abgrundtief dafür. Und auch jetzt, wo sie endlich tot sind – sie haben den frühen Tod ehrlich verdient – hasse ich sie umso mehr. Sie haben wieder einmal den Kürzeren gezogen. Es gibt nun einmal Dinge, die selbst dann noch das Herz zerreißen können.

Von meinem Sprachhandicap einmal abgesehen, muss ich schon sagen, dass ich ein recht gutaussehender Mann geworden bin. Mittellange dunkle Haare, einen feinen gesunden Teint, eine schlanke, etwas sportlich angehauchte Figur. In den Augen anderer bin ich aber oft nur für kurze Zeit attraktiv. Die Äußerlichkeiten täuschen natürlich nicht über meine sprachliche Störung hinweg. Wenn ich, um zu reden, meinen Mund öffne, vergraule ich jeden. Selbst der Teufel würde das Weite suchen, statt mir zuzuhören. Ich sehe diese Blicke, die mir sagen, ich solle doch endlich meine Fresse halten oder verflucht noch einmal zum Punkt kommen. Oftmals werde ich unterbrochen, und man setzt meine angefangenen Sätze mehr schlecht als recht fort.

Ich habe gelernt, damit zu leben. Nein, nicht ganz, ich habe versucht, damit zu leben. Mehrmals schon habe ich mich als stumm verkauft und dadurch die eine oder andere hübsche Frau kennengelernt. Es gestaltete sich meist schwieriger als erwartet. Und irgendwann kam der Punkt, als ich ihnen die Wahrheit offenbaren musste. Kaum zu glauben, wie schnell Frauen plötzlich ihre Koffer packen können. Der Grund dafür war schlicht wie ergreifend die Lüge an sich. Doch ich hatte für eine Zeit lang das bekommen, was sich ein junger Mann ab und zu sehnlichst wünscht.

Nun fallen draußen weiße Schneeflocken. Ich habe schon lange keine mehr gesehen. Im Gegensatz zu den vielen in Deutschland lebenden Menschen liebe ich den Winter mit seiner klirrenden Kälte. Wenn der Schnee, falls er einmal herunterkommen und sogar noch liegenbleiben sollte, unter den Stiefeln knirscht und mir der eisige Wind um die Ohren pfeift, weiß ich, dass ich bin, wer ich bin. Ich liebe diese trostlose Kargheit in ihrem weißgrauen Gewand, wo sich an wärmeren Tagen Menschenmassen tummeln. Niemand spricht mich an, keiner wagt es, den tief gesenkten Blick zu heben und mich näher zu betrachten. Ich fühle mich wohl.

Doch statt draußen im Schutze der Kälte zu sein, hocke ich hier vor meinem Tablet-PC und schreibe im Schein meiner Schreibtischlampe meine Geschichte auf.

Sie beginnt Anfang März in Stotel. Ja, ich weiß noch ganz genau, wie ich Tommi zum ersten Mal traf.


Kapitel 1 →