Der junge Tod : Werden

Leseprobe: Prolog

Er spürte einen leichten Druck, der, so schien es ihm, den ganzen Kopf fest umklammerte, als ein nadelspitzes, kurzes Stechen ihn durchzuckte, so schnell, als glaubte er, nie etwas gespürt zu haben, und doch so heftig schrill, dass er sich sicher war, seinen Verstand verlieren zu müssen. Während er die Augen blitzartig zusammenkniff, riss er eine Hand an die Stirn. Jetzt wusste er, wie es sich anfühlte. Noch verstand er es nicht. Der Schmerz, wenn es denn einer gewesen war, schien vorbei zu sein. Also öffnete er einen langen Augenblick später vorsichtig seine Augen. Und erst als er diesen festen Blick seines Gegenübers sah, dämmerte es ihm. Er kannte diesen Blick. Hatte ihn schon etliche Male selbst benutzt, als andere starben, als sie unendlich litten und schreiend in sich zusammenbrachen, unter fürchterlichen Schmerzen zuckten, bis sie letzten Endes doch eines qualvollen und unerwünscht langsamen Todes starben. Es war schrecklich, jedes Mal zuzusehen, und doch war es paradoxerweise ein so brachial grausames, wunderbares und unbeschreiblich gutes Gefühl – ein Hochgenuss – es aus erster Reihe zu bewundern. Man war derjenige, der die Fäden ziehen konnte; man war jener, der der Fliege ganz langsam und sachte die Flügel und Beine nacheinander herauszog, um in den Schmerz des sterbenden Insekts einzutauchen, es zu genießen und es doch zu bedauern. Irgendwie.

Er schaute in die dunklen Augen. Sie wirkten kalt und schwarz, dennoch strahlten sie eine ungewohnte Vertrautheit, ja, so etwas wie Liebe aus. Es war sicher eine Täuschung, denn sie waren nicht schwarz. Sie waren dunkel, aber keineswegs schwarz. Diese Augen. Niemals zuvor hatte er ein so derartiges Schimmern gesehen. Sie waren von einem atemberaubenden, leuchtenden Dunkelgrün. Und … sie bewegten sich nicht, zuckten nicht einmal, blieben stur und starr auf seine eigenen geheftet. Kein Lidschlag unterbrach diese sonderbare Stille. Lag etwa ein wenig Verwirrung darin? Oder war es einfach nur eine verworrene Mischung aus Liebe und Hass? Nein, es war Hass. Liebe … die lag ganz weit hinten versteckt. Sie würde hervorkommen, frühestens dann, wenn er tot war. Hass, nicht Liebe. Und wenn er sich irrte, dann war da vielleicht sogar die Liebe zum Hass. Aber wenn, dann nur für ihn. Einzig und allein für ihn.

Wie lange standen sie schon in diesem dunklen und kalten Raum? Scheinbar ewig, doch er wusste genau, dass es nur Augenblicke waren. Nur ein paar kurze Wimpernschläge. Es kam immer nur auf Wimpernschläge an. Eine andere Form von Zeit gab es nicht. Das endlose Dasein der Zeit maß man nur in dieser Form. Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate, Jahre. Alles schmolz zusammen. Aber was ist schon Zeit? Hatte er nicht Ewigkeiten überlebt? Wann war seine Zeit abgelaufen, wenn nicht jetzt? Wann? Die Regeln, welche der Menschheit galten, waren aufgehoben und holten ihn doch wieder ein, und das, obwohl er sein Leben nicht wirklich gelebt hatte. Tief im längst schon verstorbenen Herzen hatte er es ohnehin gewusst. Nun, nur einige Wimpernschläge später, war alles vorbei. Alles. War das nun sein Leben? War das letzten Endes seine Aufgabe gewesen? Ja, das war es. Ein erbärmliches Hin- und Herrennen, ein Hinterherhetzen von entronnener Zeit. Hatte er sich doch immer unentbehrlich gefühlt. Aber die Wahrheit kam mit der Zeit. Und beide – Wahrheit und Zeit – holten ihn schließlich ein.

Er schluckte den salzigen, leicht nach Eisen schmeckenden Speichel hinunter. Es fühlte sich sonderbar an. Anders. Klebrig. Es schmeckte dennoch nach etwas Bekanntem. Seine Zunge war versucht, die Lippen zu befeuchten und verschmierte dabei dickliches Blut. Sein Naseninneres wurde plötzlich warm und feucht. Auch dort begannen sich Tropfen von dunklem Blut zu bilden. Die Augen schmerzten und drückten auf eigenartige Weise in ihren Höhlen.

Fühlte es sich so an?

Fühlte es sich also jedes Mal so an?

Genüsslich hatte er sich wieder und wieder daran ergötzt. Nun war er sein eigener Darsteller in einem horrenden Theaterstück. So etwas hatte er ihnen also angetan?

Er hüstelte und spuckte. Sein sonderbar ausgemergelter Handrücken wischte die Tropfen von der Nase. Jetzt, wo er es sah, wo er es wirklich realisierte, fing er zu wimmern an und brach in Tränen aus. Tränen aus dunklem, fast schwarzem Blut, die seine Augen trübten und widerlich verklebten.

Seine Lippen bebten und versuchten stumme Worte zu formen. Sinnlose Worte, das war ihm bewusst, und doch waren es Worte, die aus seinem verschmierten Mund herausbrechen sollten. Aber das Einzige, was sie hervorbrachten, war ein leises verstörtes »Nein«. Vielmehr klang es wie die verwirrte Frage eines kleinen Kindes: »Nein?« Er hätte sich die Mühe sparen können, denn er erahnte die folgende Prozedur, hatte er sie doch schon zuhauf in jeglicher Art miterlebt und ausgeführt, und ihm würde es genau so ergehen.

Menschen sterben nun einmal. Aber er war keiner von ihnen! Schon so lange nicht mehr. Menschen sterben, ohne Antworten zu bekommen. Und er wusste nicht, dass man in den letzten Augenblicken seines Lebens noch so viel zu fragen hatte. War das denn gerecht? War das alles wirklich gerecht? Sonst war er doch der Richter gewesen. Und immer hatte er mehr oder weniger nach seinem besten Wissen und Gewissen gehandelt. Doch nun? Nun war er der zu Richtende.

So fühlt es sich also an, dachte er. So und nicht anders. Hätte er gewusst, welchen Schmerz es bereitete, so zu sterben, hätte er es dann beim Richten anders gemacht? Sich nach anderen Maßstäben orientiert? Wer weiß das schon? Es interessierte ihn jetzt nicht mehr.

Blutverschmierte Hände flehten ohne Wirkung um Gnade. Sinnlos. Die klaren, dunkelgrünen Augen nahmen das Flehen zur Kenntnis. Mehr auch nicht. Sie bewegten sich nicht. Zuckten in keinster Weise. Die Lider blieben starr. Und er bewegte sich nicht. Es lag ein wenig Verständnis in seinem Blick, tief und ganz weit unten.

Sein eigenes Gesicht war nicht mehr als solches zu erkennen. Aus allen Öffnungen floss das Blut. Mund, Nase, Augen und Ohren, selbst dort, wo die Poren groß genug waren, drängte sich der träge Lebenssaft hindurch. Er spürte Blut durch seine Haut fließen. Sein weißes, bisher makellos reines Hemd ertrank in einem tiefen Purpur. Seine Hose klebte an den Beinen. In seinen Schuhen, zwischen den Zehen, wurde es schmierig nass.

Ihm wurde schwindelig, alles drehte sich, er sank auf die Knie. Kotzen. Er musste kotzen, wollte und konnte es aber nicht. Schmerzen spürte er keine mehr, aber ihm war hundeelend, speiübel. Da war überall nur dieser komische Druck von innen. So, als müsse alles heraus.

Dann so plötzlich wieder dieses Stechen wie von tausend Nadeln in seinem Körper. Er wollte nicht schreien, nicht kreischen. Er rang nach Atem und verschluckte sich dabei. Bellendes Husten erfüllte das Zimmer. Er spuckte, zwang sich noch ein einziges Wort zwischen dem blubbernden Blut herauszuquetschen. »Nicht.« Ein verzweifeltes Wort ohne Wirkung. Dann fiel er klatschend und ohne den Versuch, sich abzustützen vornüber, mit dem Gesicht in den roten See und übergab sich.

Stille.

Die langen Haare hingen dem Toten strähnig ins Gesicht, die blutverschmierten Augen waren weit geöffnet und blickten in die schwarzrote Lache. Sie waren nicht hassverzerrt. Eher verständnisvoll und bittend, und doch lag eine Art von Verwirrtheit darin.

Ein Stiefel drehte den Leichnam auf den Rücken. Eine Hand schwebte nur einen Hauch über der Leiche, dort, wo das Herz schon lange zu schlagen aufgehört hatte. Dunkelgrüne Augen schlossen sich. Muskeln wurden gespannt. Licht erhellte den Raum, tränkte ihn in eine bläulich schimmernde Aura. Nur wenige Sekunden.

Ein junges Mädchen trat leise herein. Es hatte keine Angst. Es stieg über den blutigen See, schaute zufriedenstellend den Richter an und umfasste seine Hand. Ohne eine Regung von Gefühl zu zeigen, blickte es in die Augen des Toten.

Sie schienen nur eines auszusagen. Nur eines:

So … fühlt es sich also an.


LARA 1 →