Der junge Tod : Werden

Leseprobe Teil I – LARA

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Volker Kurtz kam die Treppe heruntergerannt und trat Lara mit voller Wucht in den Brustkorb. »Was zum Teufel ist hier denn los?«, schrie er. Seine Stimme brach. Wild huschten die Augen hin und her und sein alkoholdurchtränkter Atem hing schwer in der Luft. Der Herr im Hause hatte nur eine fleckig beige Jogginghose an. Lange graugelockte Kräuselhaare überwucherten Bauch, Brust und Rücken. Die Beule vorn an der Hose verriet, womit er sich gerade beschäftigt hatte. Sein vom Rauchen vergilbter Zeigefinger hatte Lara im Visier. »Rühre dich bloß nicht vom Fleck! Ich sage es dir nur ein einziges Mal, oder ich schlage dich tot.«

Lara blieb und senkte den Kopf. Jetzt wird es Prügel geben, dabei war dieses Scheißbaby an allem schuld. An allem war dieses dumme Baby schuld. Und doch war sie es jedes Mal, die alles ausbaden musste. Am liebsten wäre sie aus dem Raum gerannt, weg von diesem lästigen, kreischenden Baby. Ihre Ohren schmerzten schon vom Geschrei, und sie hoffte, es möge endlich aufhören. Niemals hätte sie ahnen können, dass dieses kleine Etwas so viel Schaden anrichten konnte. Hatte sie sich doch vor einiger Zeit noch gefreut, einen Spielkameraden ins Haus zu bekommen. Nun war alles anders. Jetzt war alles so richtig scheiße. Schläge, Tritte, Nahrungsentzug, die Nacht draußen im eiskalten Regen verbringen. Das waren nicht nur körperliche Schmerzen, die hätte sie noch verkraften können. Keine Liebe, Verständnis und Treue zu erhalten, waren die eigentliche Pein. Das wog weitaus schwerer. Wann hört nur dieses verdammte Balg zu schreien auf?

»Maritha!«, rief Volker. »Sieh zu, dass du deinen verdammt hässlichen Arsch hierherschwingst. Wo bist du, elendes Dreckstück?«

Hinter ihm knallte die Haustür ins Schloss. »Oh mein Gott, oh mein Gott!«

»Schau nach, was passiert ist! Und mach, dass es endlich still ist. Ich kann mich so nicht konzentrieren«, schimpfte Volker. »Und wo warst du? Kannst du nicht mal fünf Minuten auf das Kind aufpassen? Das wird ja wohl nicht so schwer sein. Wozu hab ich dich? Kannst du dich nicht endlich mal nützlich machen? Nur ein einziges Mal?«

»Ich hab schnell den Müll ´rausgebracht. Oh mein Gott, oh nein!« Maritha Oetter schnappte sich das schreiende Bündel von einem Baby und wiegte es an ihrer fetten Brust. »Was hat dir die Lara angetan. Oh nein, was hat dir die böse-böse Lara nur angetan.« Sie unterbrach ihren Singsang plötzlich. »Du blutest ja. – Oh nein, Volker, Jannes blutet!«

Lara war an sich immer schnell, nur heute nicht schnell genug. Bevor sie die Bewegung überhaupt registrieren konnte, spürte sie Volkers Fuß in ihrem Unterleib. Die Wucht des Aufpralls hievte sie einen halben Meter in die Höhe. Der zweite Tritt, den sie dieses Mal zwar kommen sah, dem sie jedoch vor Benommenheit nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte, schleuderte sie gegen die Wohnzimmerwand. Ihr Kopf prallte wie ein Ball vom rauen Putz ab. Sie biss sich in die Zunge. Schmerz durchzog ihren Körper. Die Zunge fühlte sich an, als wäre sie taub oder gar abgebissen. Sie quiekte, jaulte, quiekte und jaulte. Mit eingekniffenem Schwanz rappelte sie sich auf, wusste nicht so recht, was sie jetzt machen sollte.

»Scheiß Drecksköter! Pisst wohl auch noch auf den Teppich? Verfluchtes Scheißvieh! Leck es auf!«, brüllte Volker und trat noch einmal nach Laras Kopf … traf, griff mit seinen kräftigen Händen nach ihren Ohren und drückte ihre Schnauze in die gelbe, warme Lache.

Der ängstliche und vor Schmerzen zitternde Hund würgte.

»Kotz mir hier bloß nicht noch hin!«

»Hör auf, Volker. Lass sie in Ruhe!«, schrie Maritha. »Du bringst sie ja noch um!«

»Halts Maul! Der elende Köter hat, verflucht noch mal, das Scheißbaby gebissen. Also sage mir nicht, was ich nicht tun soll.«

»Das Scheißbaby hat, verflucht noch mal, ´nen verdammten Namen, Volker! Und vielleicht war dieses Scheißbaby auch selber Schuld. Vielleicht mal drüber nachgedacht? Außerdem ist es auch dein Scheißbaby. Also kümmer du dich auch mal drum.«

Er hasste genau diese Diskussion. Nicht schon wieder die alte verfickte Leier. Wenn er jene verdammte Standpauke abermals über sich ergehen lassen musste, war das sein Ende. Volker Kurtz wollte und konnte diese Art von Predigt nicht mehr ertragen. So winkte er ab. »Verpiss dich doch, Schlampe!«

»Verpiss dich doch selbst, Hurenficker.«

»Ich bringe den elenden Drecksköter um.«

»Das wirst du schön sein lassen, Volker!«

»Überlass das mir. Das ist mein Köter«, schnauzte er zurück.

»Wenn du ihn umbringen willst, ist er´s nicht mehr.«

Schnaufend ließ er von Lara ab, machte zwei schnelle Schritte auf Maritha zu und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. »Halt dein verdammtes Maul. Sieh zu, dass du Jannes abschaltest, sonst tu ich das auf meine Weise.«

Sie wollte es nicht, aber die Tränen schossen aus ihren Augen. »So? Du willst unser Kind auch umbringen? Schau dich doch mal an, was aus dir geworden ist. Statt der liebevolle Mann zu sein, den ich vor vier Jahren kennen und lieben gelernt hatte, den ich heiraten wollte …« Ihre Stimme versagte. Sie schluchzte so heftig, dass das kleine Baby an ihrer Brust auf- und abwippte.

»Der wäre ich wahrscheinlich noch, wenn du nicht den Pimmel unseres ach-so-netten Nachbarn in deine immer geile, nasse Fotze gesteckt hättest.«

»Jannes ist dein Baby!«, quakte sie und fing sich die zweite Ohrfeige ein. Die zweite. Meist waren es zwei. Die eine bekam sie, wenn er sich nicht beherrschen konnte, die zweite, wenn sie ihm die Wahrheit ins Gesicht knallte, die er keineswegs akzeptieren konnte. Dabei sah Jannes doch wie Volker aus.

»Er sieht aus wie unser Nachbar!«

»Nein«, wehrte sie sich erfolglos.

Mit blitzenden Augen und erhobener Hand zischte er: »Schalt es einfach ab.«

Meist waren es zwei Ohrfeigen. Meist. Heute auch.

Marithas Gesicht blieb eisern. Ihr Blick hielt Volkers stand. »Ich bemüh´ mich!«, fauchte sie und trottete mit dem schreienden Bündel ins Kinderzimmer. »Und lass Lara am Leben.«

Wutentbrannt griff Volker Laras Halsband, zerrte den armen Hund durch das Zimmer und warf sie mit Schwung gegen die Verandatür. Das war die übliche Vorgehensweise. Deshalb war Lara darauf vorbereitet, konnte jedoch ein kurzes Quieken nicht unterdrücken. Die Tür sprang auf – was sie die ersten Male noch nicht tat –, und Lara kraxelte hinaus. »Bleib hier, du Scheißtöle.«

Widerwillig, aber gehorsam blieb sie stehen. Jetzt noch die Leine.

Der Karabinerhaken klickte, gefolgt von einem Knall und dem zwiebelnden Schmerz auf ihrem Rücken, als die Leine darauf peitschte. Herrchens Hand griff blitzschnell Laras Schnauze und hielt sie kraftvoll fest. Ein Entkommen war schier unmöglich. Sie zuckte angstvoll zusammen, als Herrchen die Leine am Halsband befestigte.

»Heute nicht. Nicht heute. Aber beim nächsten Mal. Hörst du?« Volker griff fester zu und verstärkte dadurch den Druck zwischen Ober- und Unterkiefer.

Das tat höllisch weh. Lara tänzelte, winselte.

»Gut so. Also heute bleibst du draußen. Falls noch eine klitzekleine Sache vorfällt, bist du dran. Verstehst du?«

Lara winselte.

»Verstehst du mich, du blödes Vieh? Dann bringe ich dich wirklich um. Eigenhändig. Und dein dummes Frauchen kann mir dann mal gehörig den Buckel ´runterrutschen.«

Als Volker den Griff lockerte und von ihr abließ, schnappte Lara nach der bösen Hand, doch Volker ahnte das, zog sie unverzüglich weg, stand auf, ballte seine Hand zu einer Faust und schlug mit voller Kraft von oben auf ihren Schädel.

Lara sackte zusammen. Es wurde dunkel. Von weit her hörte sie Herrchen sagen: »Wie gesagt, elendes Drecksvieh, beim nächsten Mal bist du tot.«


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